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Leicht wirkt schwer

Die Industrialisierung verlangte: Gerade so effektiv, wie in den Fabriken die technischen Elemente ineinandergriffen, sollte sich der Mensch als weiteres Element in die Herstellung einfügen. Die Maschinen waren teuer in der Anschaffung, Menschen gab es zur Genüge, man konnte sie jederzeit entlassen.

Während den Arbeitern privat häufig danach war, die Effektivität einfach fahren zu lassen – am einfachsten, indem sie sich betranken -, versuchten Architekten konsequent alle Lebensbereiche zu rationalisieren. Architekten müssen nicht den ganzen Tag in der Fabrik stehen und auch die kaufkräftigen Kunden nicht. So wurde eine streng funktionale Einrichtung zur Insignie der Reichen, die sich dann auch Ärmere aneignen wollten.

Vorherrschendes Gestaltungsmittel funktionaler Möbel und Bauten war der rechte Winkel. War der Mensch auch selbst nicht eckig zu machen, so schienen den Architekten rechtwinklige Produkte in jedem Fall leichter zu fertigen. Da sie ihre Prototypen noch von Hand herstellen mußten, war ihnen das eine bestechende Erkenntnis. Die den rechten Winkel zum rechten Maß erklärende Moderne folgt der Denkweise von Bastlern, denen das wiederholte Herstellen einer identischen Krümmung große, oft unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet. Für die Massenfertigung aber ist die Art der Formung allenfalls von Bedeutung, solange man aus einem vorhandenen Stück schneidet und den Verschnitt gering zu halten sucht. Ein moderner Baustoff wie Plastik kann dagegen unter gleichem Aufwand in jede beliebige Form gegossen werden.

Tatsächlich wurde mit der Verbreitung des Baustoffs Plastik vieles erst kugel- und elliptisch rund, bis schließlich, etwa unter Turnschuhen, die unvorhersehbarsten Wölbungen Platz finden. Deren genaue Ausformung ist so beliebig wie vorher die Abstände zwischen den rechten Winkeln.

Zur selben Zeit erscheinen militärische Camouflage-Muster in der urbanen Mode. Ursprünglich wurden sie entwickelt, um, statt immer nur die Natur der Technik anzugleichen, ausnahmsweise einmal, wenn auch nur äußerlich, die Technik der unordentlichen Natur. Kunstmaler mußten die zufälligen Muster entwerfen, denn den Designern war nur die rechtwinklige Stadt vertraut.

Soldaten hatte man bis dahin gerne in bunten und mit glänzenden Metallen versehenen Uniformen in den Krieg geschickt, sie sollten auffallen und erschrecken. Ein sehr wenig effektives Unterfangen, da die Soldaten, selbst wenn sie von den fremden Uniformen erschrocken worden wären, gar keine Möglichkeit mehr zur Flucht hatten. Dafür waren sie viel zu sichtbar, die Munition reichte zu weit.

In der Stadt tarnt die Camouflage natürlich gar nicht, sondern wirkt, als würde man mitten auf einer Party rufen: „Geheim!“ – ohne das Geheimnis zu verraten. Auch eine auf Baumwolle gedruckte Imitation von Natur ist ein technoides Bekenntnis. Es wurden so ja zuerst die Maschinen getarnt, sie waren wertvoller als die Menschen. Statt Leder, Pelz und Sträucher zu tragen, stellt sich der Camouflage-Träger selbst als würdige und zu aller Frieden fehlplazierte Trophäe aus.

So sehr das Camouflage-Muster mit Bedeutung überladen ist, hält es den Träger der wilden Buntheit doch frei von einem gestalterischen Bekenntnis. Das Muster muß so sein, wie es ist. Auch wenn ständig neue Muster erfunden werden – ihr etwaiger Nutzen ist ihrer Besonderheit eine perfekte Tarnung. Dabei werden die meisten zivilen Camouflage-Träger einem militärischen kaum je begegnen, und in einer weitgehend entlaubten und mit Infrarotsichtgeräten durchschaubar gemachten Welt wirkt es ohnehin sehr antiquiert, etwas zu tarnen, indem man es mit phantastischen Kuhflecken bemalt. Camouflage zu tragen ist wie Schokolade und Gummibären in einem zu essen. Man kann sich auf gar keinen Geschmack mehr konzentrieren, es knallt und klebt einfach unverschämt süß.

Wie fahl eine heutiger Technik gemäße funktionale Ästhetik aussieht, erkennen wir da, wo die Form strengen Auflagen unterliegt, etwa die von Autokarosserien der Windschnittigkeit. Die Schädlichkeit wird, so wie man bei Waschmitteln alles daran setzt, bei der Verpackung noch ein paar Milligramm einzusparen, auf ihren wesentlichen Kern reduziert.

Während der Wind sanft umgeleitet wird, stößt sich der Mensch weiterhin an scharfen Ecken. Läßt er sich nieder, wird er weder ergonomisch umschlungen noch von sanften Wellen massiert, sondern sitzt ziemlich herkömmlich, meist nicht einmal gefedert.Wann immer man die Welt gefragt hätte: Was ist zu teuer? Wovon würde man billiger mehr kaufen? – es hätte sicher niemand geantwortet: in der Sitzform herkömmliche Stühle, nur leicht und stapelbar sollen sie sein.

Heute, nur zwanzig Jahre nach ihrer mutmaßlichen Verbreitung, gibt es mehr weiße Plastikstühle als Menschen. Allein in Europa sind nahezu eine Milliarde verkauft worden. Ein norditalienischer Anbieter produziert jedes Jahr zehn Millionen Stück. In armen Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum werden Kirchen gebaut, gigantischen Lagerhallen gleich, die jede zehntausenden Gläubigen auf dem weißen Plastik Sitz bieten.

Nichts führt uns die Grenzen der Vorhersehbarkeit deutlicher vor Augen als der Bedarf an weißen Plastikstühlen. Daß man sogar und zuerst dort, wo fast alle Menschen mit dem Lebensnotwendigen versorgt sind, massenhaft ein Möbel erwirbt, das niemand wirklich mag. Die weißen Plastikstühle sind der wahre Schrecken der Globalisierung, nicht aggressiv beworbene Marken wie Coca Cola oder McDonald’s. Deren Produkte kann man bewußt lieben, und man kann fast identischen Angeboten der Konkurrenz den Vorzug geben. Die Hersteller der weißen Plastikstühle bleiben für den Käufer namenlos, und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Stuhltypen fallen gar nicht auf. Der Unwille, sich den Plastikstuhl genau anzusehen, ist zu groß. Und wenn man drauf sitzt, ist einem das auch gar nicht mehr möglich.

Es gibt unzählige Gegenstände, die von mehr Menschen als ausgesprochen häßlich empfunden werden, aber es ist kein Gegenstand existent und denkbar, den mehr Menschen nicht ausgesprochen schön finden, als ein weißer Plastikstuhl. Nicht einmal im perversen Sinne ist ihm eine Schönheit abzugewinnen. Menschen mögen sich in die Sammlung der absonderlichsten, widerlichsten Dinge vernarren, doch eine Obsession für weiße Plastikstühle ist nur aus dem Wissen um die weltweite Einmaligkeit dieser Obsession zu motivieren. Es gibt nichts unbedingt Ironischeres als die Liebe zum weißen Plastikstuhl.

Ein modernes Kleidungsstück wie das T-Shirt oder der Trapezrock hat eine sehr einfache Form, die den Körper dennoch schick kleidet. Beim weißen Plastikstuhl ist das Gegenteil der Fall: Ausgerechnet der Stuhl, der in der Grundform seit jeher rechtwinklig gedacht wird, zeigt in seiner strengen Funktionalisierung plötzlich ältig und unbeholfen wirkende Wölbungen. Er täuscht Schwere vor, schon weil er so leicht und platzsparend wie möglich sein soll. Denn dafür muß er sich nach unten verbreitern und mit Armlehnen ausgestattet werden. Armlehnen geben unter geringstem Materialeinsatz als Verstrebungen zwischen Vorderbeinen und Rückenlehne die nötige Stabilität. Die geringe Dicke des Plastiks verschafft, soweit sie die Sitzlast nur tragen kann, einen sichereren Stand, denn durch ihre Biegsamkeit werden, egal wie man sich auf den Stuhl setzt, alle vier Beine belastet. Schlitze lassen Wind und Regen durch. Die Stühle sind kaum zu kippen.

Meist sind sie weiß, weil sie zunächst als reine Gartenmöbel angeboten wurden. Nun, da die übergroße Zahl längst anders eingesetzt wird, erinnert ihr Weiß kaum noch an Gärten. Dafür wäre ein für unter fünf Euro zu habendes Stück Plastik auch viel zu traurig. Eher möchte man sich, wenn man sich schon für dieses Unding entscheidet, nicht auch noch für eine andere Farbe entscheiden als die der Unschuld. Der weiße Plastikstuhl ist ein funktionales Schicksal.

Aus „Da“ von Ingo Niermann